Kleine jüdische Geschichte des Ostseebades Kolberg

Die Geschichte Kolbergs als Seebad ist ohne das gesellschaftliche Engagement von jüdischen Kaufleuten als Stiftern und Mäzenen und ohne die grundlegende Aufbauarbeit jüdischer Ärzte und Bürger nicht zu denken. Nach zahlreichen Verfolgungsmaßnahmen erhielten jüdische Bürger erst 1812 eine Niederlassungserlaubnis. Innerhalb weniger Jahrzehnte sorgten die Initiativen vor allem jüdischer Wohlfahrtsorganisationen und von sozial und medizinisch tätigen Einzelpersonen für die Entwicklung der Kureinrichtungen aber auch städtischer Infrastruktur (Kanalisation), ohne die das heutige Seebad nicht hätte entwickelt werden können. Bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts galt Kolberg als Kurort mit internationalem Publikum, als modern und weltoffen. Nach 1933 begann die Ausgrenzung der als Juden definierten Menschen durch ihre christlichen Mitbürger und das jüdische Leben in Kolberg endete ab 1942 mit der Deportation und Ermordung der als jüdisch ausgegrenzten Kolberger Bürger.

Das Stadtwappen von Kohlberg

Das Stadtwappen von Kohlberg - Foto: Carsten Wolf

Die jüdische Vorgeschichte

In der expandierenden Salzhandelsstadt lassen sich bereits 1261 erste Spuren von aus größeren Städten zugezogenen Juden nachweisen – ab dem 14. Jahrhundert siedeln einige jüdische Familien in der Judenstraße der heutigen ul. Brzozowa. 1492/93 wird der überwiegende Teil der jüdischen Bevölkerung vertrieben – wer bereit zur christlichen Taufe war, durfte vorübergehend bleiben, musste aber im jüdischem Distrikt wohnen (zwischen ul. Gierczak und ul. Narutowicza, der früheren Linden- und Schlieffenstraße) – an diese Ghettoisierung erinnerte die deutsche Bezeichnung „Enge Judengasse“. 1510 mussten auch diese jüdischen Familien Kolberg verlassen. 1702 stellten die beiden Kaufleute Hirschel Salomon und Aaron Moses den Antrag auf Niederlassung in Kolberg. Dieser wurde aufgrund des großen Protestes der christlichen Konkurrenten abgelehnt. Bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, insgesamt also  gelingt es den antisemitisch eingestellten Kolbergern, die Ansiedlung jüdischer Familien zu verhindern. Erst nach Erlaß des preussischen Staatsangehörigkeitsgesetztes 1812 galt eine Niederlassungsfreiheit unabhängig von der Religion – einige Handwerker und Händler ziehen in die pommersche Provinz und bilden eine kleine jüdische Gemeinde. Schon 1845 baut die Gemeinde eine Synagoge im klassizistischen Stil in der heutigen ul. Budowlana.

Die Gründung der Solebäder durch jüdische Ärzte

1858 wirde der Betrieb des unrentablen Kolberger Salinenbetriebs eingestellt – die Stadt erwirbt die Rechte an der Saline und schnell erkennt man die Möglichkeit, Sole für Heilzwecke zu nutzen. Einige Handwerker, wie der Maurermeister Keutel bauen einfache Badeanstalten mit einfachen Unterkünften. Dieses Keutelsche Bad wird nach dessen Tod von Dr. Moses Behrend übernommen und als 1. Behrendsches Solebad wiedereröffnet. Der Mediziner Behrend baut das Bad aus und orientiert sich an modernen medizinischen und balneologischen Standards. 1860 gründet Dr. Herrmann Hirschfeld mit zwei weiteren Ärzten den „Soolbadeverein“, der ein weiteres Solebad errichtet. 1862 wird ein drittes Solebad eines Kolberger Kaufmanns eröffnet, das allerdings schon 1870 von der Ehefrau Moses Behrend übernommen wird und fortan unter dem Namen „2. Behrendsches Solebad“ firmiert. Ab 1882 werden hier auch erstmals Naturmooranwendungen angeboten.

Das Rathaus in Kolberg

Das Rathaus in Kolberg - Foto: Carsten Wolf

Die Gründungszeit gemeinnütziger Wohlfahrtsanstalten

1867, also früh in der Entwicklung des Seebades, bildete sich das „Komitee zur Gründung eines jüdischen Kurhospitals“, stark unterstützt von Nachmann Oppenheim und weiteren jüdischen Geschäftsleuten aus Berlin. Ziel war es, bedürftigen jüdischen Menschen aus Berlin und Pommern Erholung und Gesundung an der Ostsee zu ermöglichen – Mildtätigkeit ist untrennbarer Bestandteil jüdischer Religionsausübung. 1874 wird das jüdische Kurhospital in der Hafenstraße (heute: ul Portowa) eingeweiht und vom „Verein jüdischer Krankenschwestern zu Berlin“ betrieben. Im Kurhospital gibt es Sole- und Mooranwendungen und anfangs 10 Betten. Später wird das Kurhospital auf 40 Räume mit 150 Betten und eigener Synagoge erweitert.

Auch die Gründung des 2. Kurhospitals, des  „Christlichen Kurhospitals„, der späteren „Kinderheilstätte Siloah“,  geht auf die Initiative von Nachmann Oppenheim zurück. Am Tag der Einweihung des jüdischen Kurhospitals übergab Oppenheim eine Spende von 1500 Mark als Grundstock an den Kolberger Bürgermeister Haken. Grund war eine Meinungsverschiedenheit im Komitee, ob auch christliche Bedürftige aufgenommen werden sollten. Für Oppenheim war dies eine Selbstverständlichkeit. Da es keine Einigung gab, stellte Oppenheim als Ausgleich Geld für die Gründung eines eigenen christlichen Hospitals zur Verfügung . Das von Diakonissen betriebene Haus wurde 1881 eingeweiht und stand bis 1933 unter der Leitung jüdischer Ärzte, vor allem der Familie Behrend (Von den drei ärztlichen Leitern im Jahre 1933 – Dr. Felix Behrend, Dr. Margulies und Dr. Walter Behrend – überlebte nur  Dr. Walter Behrend den Nationalsozialismus und verstarb 1949 in Schleswig-Holstein – Dr. Margulies wurde in Auschwitz zusammen mit seiner Frau ermordet, Dr. Felix Behrend ermordete man an unbekanntem Ort).

Das 1890 errichtete Luisenbad stand als Solbadeanstalt des „Vaterländischen Frauenvereins“ ebenfalls unter Leitung des Badearztes Dr. Margulies, der hier 1906 auch ein Balneologisches Institut gründete.

Auch das 1910 gegründete 3. Kurhospital „Kaiser und Kaiserin Friedrich – Berliner Sommerheim für arme und erholungsbedürftige Kinder der Reichshauptstadt“ ging auf das jüdische Mildttätigkeitsgebot zurück, genauer auf eine Spende von James Simon aus Berlin (Größtes Handelshaus der Hauptstadt, Kunstsammler und Gründer der deutschen Orientgesellschaft). Dieses Haus ist heute noch in Podczele an der Landstraße nach Koszalin erhalten.

Das „judenfreundliche Ostseebad Kolberg zur Jahrhundertwende

Ende des 19. Jahrhunderts umfasst die jüdische Gemeinde in Kolberg 600 Mitglieder und jüdisches bürgerschaftliches Engagement prägt die Stadt.  Der Stadtverordneter und Sanitätsrat Dr. Hermann Hirschfeld ist persönlich wirtschaftlich kaum erfolgreich, weil er ärmere Menschen häufig umsonst behandelt, erfolgreich ist er aber in der Stadtpolitik. Die Einführung des Moorbadens geht ebenso auf ihn zurück wie die Errichtung der Kanalisation und der zentralen Wasserversorgung. Sein Sohn, der Sexualwissenschaftlicher Magnus Hirschfeld, ist bis heute weltweit bekannt und geachtet. Kolberg zieht Kurgäste auch aus Polen und Russland an, es kommen viele jüdische Gäste. Auf Orthodoxe haben sich die koscheren Kurpensionen eingestellt. Während in den zwanziger Jahren in vielen Kurorten Propaganda gegen sogenannte „Ostjuden“ beginnt, hält sich Kolberg als bekanntermaßen „judenfreundliches Bad“.

Verfolgung, Ausgrenzung und Vernichtung ab 1933

Mit der Machtübergabe an Hitler beginnt die Diskriminierung und Ausgrenzung der als „jüdisch“ definierten Bevölkerung. Viele Kolberger „Juden“ ziehen aus der Provinz Pommern nach Berlin um, da sie sich hier mehr Schutz und Toleranz erhoffen. In den Novemberpogromen zünden Kolberger die Synagoge und die Kehilla mit der koscheren Schlachterei in der Baustraße, sowie das jüdische Kurhospital an. Sie zerstören die beiden jüdischen Friedhöfe an der ul. Zdrojowa und an der Straße nach Koszalin, 27 Geschäfte und einige Pensionen, Hotels und Privatwohnungen. Ab 1940 beginnen die Deportationen der verbliebenen Menschen in den Tod. Die damalige Sammelstelle ist der heutige Busparkplatz an der ul. Kamienna. Allein mit dem Deportationszug vom 12./13. Februar werden 30 % aller pommerschen „Juden“ nach Lublin deportiert. In eisiger Kälte fährt dieser Zug 4 Tage lang nach Lublin in die Vernichtungslager Majdanek und Sobibor. Im Mai 1942 werden die letzten „Juden“ Pommerns in den Tod geschickt.

Erinnerung

An das einst blühende „jüdische Ostseebad“ gibt es nur einen Erinnerungsort. An der Stelle des alten jüdischen Friedhofes in der u. Zdrojowa findet man ein Mahnmal an die Ermordeten. In der Ul. Budowlana befindet sich ein eingeschossiges Lebensmittelgeschäft, das in den Resten der Synagoge ursprünglich als Holzhandlung gebaut wurde. Am Deportationsort oder dem Platz des „Jüdischen Kurhospitals“, am Platz des Denkmals für Dr. Herrmann Hirschfeld oder am neuen jüdischen Friedhof gibt es keine Hinweise auf das ausgelöschte jüdische Leben von Kolberg.

 

Weitere Informationen:

Wirtualny Sztetl: www.sztetl.org.pl

Jancke, Peter: Ostseebad Kolberg, Hamburg 2002

Jancke, Peter: Führer durch eine untergegangene Stadt, Husum 2011

Bajohr, Frank: Unser Hotel ist judenfrei, Frankfurt am Main 2003

Heitmann, Margret/Schoeps, Julius H. et. al: Halte fern dem ganzen Lande jedes Verderben. Geschichte und Kultur der Juden in Pommern, Hildesheim 1995

 

Carsten Wolf

 

 

 

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